Pogrom vom 9. November 1938: Weißwäscher am Werk

In rechtsextremen Kreisen wird verbissen versucht, die nationalsozialistische Führung von der Verantwortung für den Pogrom vom 9. November 1938 freizusprechen, berichtet Anton Maegerle für den blick nach rechts in der Ausgabe 22/2008. Das Fachblatt gibt es hier im Abo.

Am 9. November jährt sich zum 70. Mal die Pogromnacht. Unter der Führung von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatten die NS-Machthaber das Attentat eines 17-jährigen Juden polnischer Nationalität auf einen Legationssekretär in den Räumen der deutschen Botschaft in Paris zum Anlass genommen, einen als „Sühneakt“ getarnten Pogrom gegen die angebliche „Verschwörung des Weltjudentums“ zu inszenieren. Heutige Rechtsextremisten verschließen sich jedoch dieser Realität und verbreiten stattdessen abstruse Verschwörungstheorien. Juden selbst, so eine der rechtsextremen Wahnvisionen, steckten hinter den Drahtziehern der Pogromnacht.

Der untergetauchte Neonazi-Justizflüchtling Gert Ittner behauptet, dass die Pogromnacht für „die Reichsführung völlig überraschend“ stattgefunden habe: „Niemand konnte – trotz der allgemeinen Unbeliebtheit der Juden im Deutschen Volk – zu jenem Zeitpunkt weniger Interesse an einem solchen Ausbruch des Volkszorns gegen diejenigen haben … als die politische Führung des Deutschen Reiches.“ „Wieder wurde Deutschland“, so orakelt Ittner, „Opfer einer Intrige, deren Hintermänner der Erkenntnislage“ nach in jüdischen Kreisen zu suchen seien.

Als rechtsextreme Standardwerke zur Pogromnacht gelten die Bücher „Feuerzeichen – Die Reichskristallnacht. Anstifter und Brandstifter – Opfer und Nutznießer“ sowie „‘Reichskristallnacht’ 9. November 1938. Hintermänner und Hintergründe“. Ingrid Weckert ist Autorin des 1981 im Grabert-Verlag erschienenen Machwerkes „Feuerzeichen“. Weckert schreibt, dass die Pogromnacht von jüdischer Seite angestiftet wurde, um die Auswanderung der Juden nach Palästina zu fördern. Die Juden, so Weckert, „waren so wenig Opfer eines geplanten Genozids wie andere Völker“. Ein Vorwort zu dem Buch steuerte Wilfred von Oven, letzter persönlicher Pressereferent (1943 – 1945) von Goebbels, bei. Der im Sommer 2008 in Buenos Aires verstorbene Oven, der Zeit seines Lebens Goebbels als „faszinierendste Persönlichkeit der NS-Führung“ verehrte, sprach Weckert für ihren „Mut zur historischen Wahrheit“ seinen „ganz besonderen persönlichen Dank“ aus. Die Holocaust-Leugnerin Weckert (alias „Hugo Rauschke“) war einst Gefolgsfrau des 1991 verstorbenen Neonaziführers Michael Kühnen. Das Machwerk „Feuerzeichen“ wurde mit Beschluss der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften am 16. Juni 1994 indiziert. Das Amtsgericht Tübingen zog das Buch mit Beschluss vom 5. Januar 1998 wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ein. 2001 meldete sich Weckert in der revisionistischen Zeitschrift „Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung“ (VffG) von Germar Rudolf erneut zur Pogromnacht zu Wort. Ziel ihres mehrseitigen Aufsatzes war die wiederholte Weißwaschung von Goebbels, der Weckert zufolge keinesfalls der „Initiator der antisemitischen Ausschreitungen“ gewesen sein konnte.

„Mut zur historischen Wahrheit“

„‘Reichskristallnacht’ 9. November 1938“ wird als „Forschungsbericht“ angepriesen, der mit „zahlreichen historischen Legenden“ aufräumen und zeigen will, „wie es wirklich war“. Autor des 1988 im rechtsextremen Türmer-Verlag erschienenen Buches ist Nikolaus von Preradovich (1917 – 2004). Preradovich, von 1972 bis 1974 Chef der Geschichtsredaktion des Schroedel Schulbuch-Verlages, beharrt darauf, dass sich an der Pogromnacht „Teile des deutschen Volkes ’spontan‘ an den ihnen bekannten Juden vergriffen haben und die Führung der NSDAP sei sodann gewissermaßen als Trittbrettfahrer auf den bereits in Bewegung befindlichen Zug gesprungen“. 1999 wurde Preradovich, langjähriger Mitarbeiter des DVU-Sprachrohrs „National-Zeitung“ und Unterzeichner des holocaustleugnenden „Appells der 100“, mit der „Ulrich-von-Hutten-Medaille“ der „Gesellschaft für freie Publizistik“ ausgezeichnet.

Auf der Unschuld Goebbels beharrt neben Weckert auch der rechtsextreme Verschwörungstheoretiker Erich Glagau in seiner 1997 erschienenen Broschüre „Eine passende Antwort, Herr Bubis“. Goebbels, so Glagau, habe „immer wieder klargelegt, wie unsinnig eine solche Idee (Anm. die Pogromnacht) überhaupt gewesen sei.“ Glagau, ein dem Bundesamt für Verfassungsschutz als „Autor mehrerer rechtsextremistischer Schriften und Bücher“ bekannter Autor, fabuliert in seinem Pamphlet: „Es waren zu dieser Zeit Verhandlungen zwischen dem New Yorker Rechtsanwalt Rublee und dem Reichsbankpräsidenten Schacht im Gange. Es sollte den Juden Gelegenheit gegeben werden, auszuwandern. Dieses Angebot wurde jedoch von den amerikanischen Juden abgelehnt. Wie Bubis die Nazis vermutet, die gegen ihre eigenen Interessen die Kristallnacht veranstaltet haben sollen, so kann man umgekehrt Überlegungen anstellen: Wem nützte diese ganze Aktion. Den Nazis bestimmt nicht!“

In der Schriftenreihe „Historische Tatsachen“, herausgegeben vom Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung (Vlotho), erschien 1995 ein Themenheft mit dem Titel „Aspekte jüdischen Lebens im Dritten Reich“. Autor war Verlagschef Udo Walendy. NPD-Urgestein Walendy wiederholt in dem Heft die in antisemitischen Kreisen seit Jahrzehnten kursierende Mär der „jüdischen Kriegserklärung vom 24. März 1933“, die „keine platonische Deklaration, sondern eine sehr ernst zu nehmende, grenzübergreifende und konsequent mit den jüdischen Organisationen in den USA koordinierte Kampfstrategie mit realpolitischem Hintergrund“ gewesen sein soll. Von der „Kriegerklärung“ schlägt Walendy einen Bogen über den „Abwehrboykott am 1. April 1933“ und kommt wenige Seiten später auf die „Kristallnacht“ zu sprechen. Walendy gibt kund, dass die Ermordung des Legationssekretärs „in Deutschland nicht als Affekthandlung eines Einzeltäters aufgefasst“ wurde, „sondern als eine erneute Aktion einer bereits langfristig in Gang befindlichen jüdischen Kriegsführung gegen das Reich“.

Die Mär von der jüdischen Kriegserklärung

Im voluminösen „Volkslexikon Drittes Reich“, Grabert-Verlag 1994, werden die antisemitischen Übergriffe der Pogromnacht als „teilweise noch ungeklärte, angeordnete und gesteuerte, teilweise spontan eingeleitete Maßnahmen“ beschrieben, die „das Ansehen Deutschlands in jenen Jahren zweifellos beträchtlich“ schädigten.

In dem 1989 im revisionistischen Grabert-Verlag erschienenen Buch „Die Jahrhundert-Provokation: wie Deutschland in den Zweiten Weltkrieg getrieben wurde“ (erstveröffentlicht 1967 in Frankreich) will der Autor Paul Rassinier in Erfahrung bringen, dass der jugendliche Attentäter kein Einzeltäter war, da politische Morde „immer verabredet, und politische Gruppierungen, Staaten oder Parteien, denen es an einer Verschärfung der Dinge liegt“, die „Hand des Mörders“ lenkten. Weiter behauptet Rassinier, dass an dem organisierten Wüten von SA, SS, HJ und anderen NSDAP-Angehörigen keine „Machtträger des Dritten Reiches“ teilgenommen haben, denn diese hätten „immer wieder beteuert, an der Organisation dieser Kundgebungen und an der Wendung, die sie nahmen, nicht beteiligt gewesen zu sein. Wir müssen zugeben, dass sie, dem Anschein nach wenigstens, Recht haben.“ Der Franzose Rassinier gilt als Vater des modernen Revisionismus. Er war einer der ersten publizistischen Holocaust-Leugner.

Weißwäscherei konnte Fritz Hippler, vormals NS-Filmintendant, einer der Organisatoren der „Verbrennung undeutschen Schrifttums“ und verantwortlich für die Gestaltung des antisemitischen Hetzwerks „Der ewige Jude“, in der ARD-Sendung „Die Reichskristallnacht“ vom November 1988 betreiben. Hippler stilisierte sich als Kritiker der Aktion, zeigte sich entrüstet darüber, dass am Abend der Pogromnacht die Tür zu einer Wohnung eingetreten wurde und dahinter eine jüdische Großfamilie eng zusammengekauert vor Angst zitterte. Er will seinen SS-Ausweis gezeigt und nach der Polizei gesucht haben.

Seine Sicht zur Pogromnacht schildert Willi Krämer in dem Buch „Vom Stab Heß zu Dr. Goebbels“, das 1979 im Verlag für Volkstum und Zeitgeschichtsforschung erschien. Krämer, ehemaliger Angehöriger des „Stabes Heß“ und der NS-Reichspropagandaleitung, ortet als Verursacher der Pogromnacht „Rabauken niederer Chargen“ der NSDAP, die den Nationalsozialismus bekämpfen wollten. Goebbels, so Krämer dagegen, sei unschuldig: „Da Dr. Goebbels an jenem Abend weder seinen Nachrichtenapparat im Propagandaministerium noch sonst einer Dienststelle eine Brandanweisung gegeben hat oder hätte geben können, gibt es nicht einmal einen Indizienbeweis, der ihn belasten könnte.“ Nach 1945 war Krämer Funktionär der Sozialistischen Reichspartei (SRP) und der Deutschen Reichspartei (DRP). In den 80er Jahren galt Krämer in rechtsextremen Kreisen als „Freund und Förderer“ von Michael Kühnen und wurde Ehrenmitglied der „Aktionsfront Nationale Sozialisten/Nationale Aktivisten“.

Siehe auch: Hessen: Neonazi-Aufmarsch verboten, Neonazis wollen zur Reichspogromnacht aufmarschieren, Auschwitz: Das präzedenzlose Verbrechen, 69 Jahre nach der Reichspogromnacht: Erneut jüdischer Friedhof geschändet

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