“Protokoll der Weisen von Zion” in der UN-Vollversammlung

Mit scharfen Worten hat laut einem Bericht der Berliner Morgenpost Außenminister Frank-Walter Steinmeier den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad kritisiert. Der Minister warf dem iranischen Präsidenten bei seiner Rede vor der UN-Vollversammlung in New York „blanken Antisemitismus“ vor. Steinmeier bezog sich auf die Rede Ahmadinedschads vor dem Plenum am Dienstag. Seine Haltung gegenüber Israel sei „unerträglich und verlangt unsere gemeinsame Verurteilung“. Ahmadinedschad hatte die USA und Israel massiv bedroht. Die Israelis bezeichnete er als „zionistische Mörder“.

„Israel soll aus der Welt getilgt werden“

Sehr verärgert zeigte sich Steinmeier demnach über den deutschen Botschafter im Iran, Herbert Honsowitz, dessen Verteidigungsattaché nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ einer Militärparade in Teheran beigewohnt habe. Dieser war zu der Parade gegangen, obwohl die EU-Botschafter sich darauf verständigt hatten, fernzubleiben. Bei der Veranstaltung sei auch ein Banner mit den Worten „Israel soll aus der Welt getilgt werden“ gezeigt worden.

Der Politologe Matthias Küntzel kommentierte Ahamdinedschads Auftritt:

In den Vereinten Nationen gab es eine Premiere: Am Dienstag dieser Woche wurde die Rednertribüne der Vollversammlung erstmals für unverhohlene antisemitische Aufstachelung genutzt. Ausgerechnet vor jener Organisation, die im Widerstand gegen die Nazis und als die Quintessenz der Lehren aus den Verbrechen des II. Weltkriegs gegründet worden war – ausgerechnet im UN-Hauptquartier konnte am 23. September 2008 die antijüdische Paranoia eines Adolf Hitlers fröhliche Urständ feiern.

Dass Ahmadinejad seine UN-Auftritte zu Predigten umfunktionieren pflegt, in denen die Wiederankunft des schiitischen Messias herbeigesehnt wird (fünf Stoßgebete für den 12. Imam waren es in diesem Jahr) – ist entsetzlich genug. Diesmal aber war seine Rede zusätzlich von den „Protokollen der Weisen von Zion“ inspiriert.

Auf der einen Seite, erklärte er den Delegierten aus aller Welt, stünden „die Würde, die Integrität und die Rechte der amerikanischen und europäischen Völker“ und auf der anderen Seite deren ewiger Feind: „die kleine aber hinterlistige Zahl von Leuten namens Zionisten.“

Obwohl sie nur eine unbedeutende Minderheit seien, belehrte er die Weltgemeinschaft, „beherrschen sie in einer tückischen, komplexen und verstohlenen Art und Weise einen wichtigen Teil der finanziellen Zentren sowie der politischen Entscheidungszentren einiger europäischer Länder und der USA.“ Zionistische Juden seien weltweit derart einflussreich, „dass einige Präsidentschafts – oder Ministerpräsidentschaftskandidaten gezwungen seien, diese Leute zu besuchen, an ihren Zusammenkünften teilzunehmen und ihre Treue und Verpflichtung gegenüber ihren Interessen zu schwören, um finanzielle und mediale Unterstützung zu erhalten.“

Doch auch „die großen Völker Amerikas und verschiedene Nationen in Europa“ seien im jüdischen Griff: Sie „müssen einer kleinen Zahl habgieriger und aggressiver Leute gehorchen. Obwohl sie es nicht wollen, überlassen diese Nationen ihre Würde und ihre Ressourcen den Verbrechen, Besatzungen und Bedrohungen des zionistischen Netzwerks.“

Doch Befreiung ist in Sicht: Unaufhaltsam, so Ahmadinejad, „schliddert das zionistische Regime in den Zusammenbruch.“ Es habe nicht die geringste Chance, „aus der von ihm selbst und seinen Unterstützern erzeugten Jauchegrube wieder herauszukommen.“

Natürlich ist der Antisemitismus, den Ahmadinejad in New York predigte, nicht neu. Schon im Dezember 2006 hatte er vor der internationalen Konferenz der Holocaust-Leugner in Teheran die Auslöschung Israels als den wichtigsten Schritt zur „Befreiung für die Menschheit“ propagiert und damit eben jenem „Erlösungsantisemitismus“ (Saul Friedländer) das Wort gesprochen, der schon dem „Befreiungswerk“ der Nazis zugrunde lag.

Neu ist, dass Irans Präsident damit vor den Vereinten Nationen reüssiert – und damit durchkommt und gar Beifall erhält!

Küntzel kritisiert vor allem die Haltung der deutschen Regierung:

Heute, da erstmals das Podium der Vereinten Nationen für einen „antizionistischen“ Angriff genutzt wird, dessen antisemitischer Charakter über jeden Zweifel erhaben ist – heute gilt eben dies als diskursive Normalität: Man nimmt die Provokation von New York als solche nicht einmal wahr.

Wird darüber so vielsagend geschwiegen, weil man die deutschen Exportgeschäfte mit dem Iran, die sich nach vorübergehenden Rückschlägen in jüngster Zeit wieder aufwärts entwickeln, nicht beeinträchtigen will?

Wird der iranische Antisemitismus aus Rücksicht auf unsere Koalitionsregierung ignoriert, die im Gegensatz zu London und Paris das Mittel europäischer Wirtschaftssanktionen ablehnt, mit dieser Position aber zunehmend unter Druck gerät?

Oder ist man ehrlichen Herzens damit einverstanden, dass der Unterschied zwischen einer Kritik an Israel oder den USA und dem Hardcore-Antisemitismus der iranischen Machthaber immer mehr verschwimmt?

Siehe auch: Aufruf Zusammen gegen den Al Quds-Tag – gegen antisemitische und antiisraelische Hetze, Die Kontakte zwischen Neonazis und Islamisten, Veranstalter der Holocaust-Konferenz fordern Verbot der Anti-Islam-Konferenz, Nazis und Islamisten: Trotz des gemeinsamen Feindes – zu viel Hass für Kooperation, Ethnopluralismus für Fortgeschrittene: “Nazis für Israel”, Analyse: Extreme Rechte & Islam, Antisemitismus in Europa – und der hilflose Kampf der UNO gegen den Judenhass, Antisemiten unter sich: Mahler schreibt an Ahmadinedschad, ‘Zwei Araber und ein Nazi’ rappen für ‘den Tod aller Juden’, Schweiz schlägt Holocaust-Konferenz vor, Iran: “Hitler war Jude”, Holocaust-Konferenz: Finkelstein doch nicht dabei, Holocaust-Leugner: Iran soll “humanitäre Hilfe” leisten