Hansa vs St. Pauli: Rostock meldet keine größeren Zwischenfälle (Update 01.10.)

Nach den Vorfällen beim Spiel Hansa Rostock gegen den FC St. Pauli geht es nun an die Aufarbeitung und Konsequenzen. Unter anderem untersucht der DFB die Vorfälle, allerdings nach eigenen Angaben nur die außerhalb des Stadions. Warum das? Eine Anfrage an den DFB gibt Aufschluss:

aus Rostock wurde der Sportgerichtsbarkeit des DFB mitgeteilt, dass es im Stadion zu keinen größeren Zwischenfällen gekommen wäre. Zwar hätten Rostock-Fans versucht, den Block der St. Pauli-Fans zu stürmen, doch wäre dieser Versuch schnell von den Ordnungs- und Sicherheitskräften unterbunden worden.

Dies kann nur als Witz bezeichnet werden, wenn auch als schlechter. Im Stadion haben sich folgende Dinge zugetragen:

Hitler-Grüße, rassistische Beleidigungen eines St. Pauli-Spielers, ein anderer Spieler wurde von einem Feuerzeug getroffen, dutzende rechte Hools griffen etwa 15 Minuten ungehindert den St. Pauli-Block an, nachdem sie zuvor 90 Minuten provoziert hatten, die Ordner standen untätig daneben. Aus einem Aufgang zum Oberrang konnten Rostocker-Fans etwa 15 Minuten ungehindert mit Gegenständen auf die St. Pauli-Fans werfen. Von den schwulenfeindlichen Gesängen im Stadion ganz zu schweigen. Zu angeblichen antisemitischen Liedesgut (der „U-Bahn-Song“) kann ich nichts sagen, habe ich nicht gehört. Stellt sich noch die Frage, wie in Rostock „größerer Zwischenfall“ definiert wird.

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Vereinseigener Ordnungsdienst erhielt „Goldenen Schlagstock“

Bislang war der Rostocker ABS-Sicherheitsdienst eher nicht durch Zurückhaltung aufgefallen. Das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) verlieh dem ABS im Jahr 2003 den „Goldenen Schlagstock“.  Übrigens handelt es sich bei dem ABS um einen vereinseigenen Dienst, der auch gewerblich arbeitet. Geschäftsführer ist Jörg Hübner, der gleichzeitig Sicherheitschef bei Hansa ist. Von daher liegt es nahe, dass Hansa offenbar darum bemüht sein könnte, den unzureichenden Schutz der Gästefans zu verschleiern.

Mittlerweile hat der FC St. Pauli eine offizielle Stellungnahme veröffentlicht, diese wird hier dokumentiert:

Bereits im Vorfeld des Spiels waren wir überrascht, dass entgegen der üblichen Praxis gerade diese Begegnung nicht als sog. „Risikospiel“ eingestuft wurde. Uns wurde aber bei diversen Treffen mit Rostocker Verantwortlichen zugesichert, dass sich die Rostocker Fanszene zum Positiven verändert hätte und man mit den geplanten Maßnahmen die Situation unter Kontrolle hätte.

Leider kam es doch anders. Unter anderem wurden folgende Vorfälle von Augenzeugen beobachtet:

  • Als der Tross der Zugfahrer am Stadion (Eingang Eishalle) eintraf, warteten dort schon, nur durch einen Zaun getrennt, einige hundert Rostocker Fans, die sofort „Anti-St. Pauli-Lieder“ skandierten. Es kam zu schweren Auseinandersetzungen, wobei ca. 10 min. lang Flaschen etc. geworfen wurden. Während dieser Zeit stand die Polizei lediglich auf der Seite des Zaunes, auf der die St. Pauli-Fans gingen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung wurden mehrere St. Pauli Fans durch Wurfgeschosse und Tränengas verletzt.
  • Auf der Fahrt in das Stadion wurde der Mannschaftsbus des FC St. Pauli mehrfach beworfen, meistens mit Bierbechern.
  • Im Stadion mussten etliche St. Pauli-Fans erkennen, dass im für Gäste vorgesehenen Sitzplatzbereich offensichtlich auch zahlreiche Rostocker Anhänger saßen, darunter auch nicht wenige, die man schon vom äußeren Anschein her der „erlebnisorientierten“ Fraktion zurechnen musste. Im Verlauf des Spiels baten viele unserer Fans darum, in den Stehplatzbereich Gäste gebracht zu werden, da sie mit Bier beworfen wurden und schlicht Angst hatten. Ebenfalls wurde in diesem Bereich das sog. „U-Bahn-Lied“ gesungen. Von Fantrennung war hier nichts zu merken.
  • Die aufgeheizte Stimmung setzte sich während des Spiels fort. Besonders hervorzuheben sind die fortwährenden und von der Ultragruppe im Block 27 inszenierten Wechselgesänge, die neben der „Botschaft“ „Scheiß St. Pauli“ auch die wenig schmeichelhaften Formulierungen „Wir haben einen Hassgegner – das sind die schwulen Hamburger“ beinhalteten. Dass gerade diese Gesänge nicht nur von einer kleinen Minderheit dargeboten, sondern von zigtausend Menschen im gesamten Stadion mit gegrölt wurden, ist durch mitgeschnittene Tondokumente belegt.
  • Nach der Einwechslung unseres Spielers Morike Sako wurde dieser mehrfach rassistisch beleidigt. Unser Spieler Fabian Boll wurde von einem geworfenen Feuerzeug getroffen.
  • Aus dem Nachbarblock der Südtribüne wurden unsere Fans während des gesamten Spiels von einer bestimmten Gruppe fortwährend und ausdauernd beleidigt und provoziert, u.a. auch hier durch das Zeigen des verbotenen „Hitlergrußes“. Der Ordnungsdienst schritt jedoch nicht ein. Vielmehr konnte mehrfach beobachtet werden, dass sich Mitarbeiter des Ordnungsdienstes und Mitglieder der genannten Gruppe offensichtlich persönlich nahe standen.
    Nach dem Spiel verharrten die meisten unserer Fans im Gästeblock, da dies auch so angekündigt wurde. Kurz darauf verließen die Ordnungskräfte, die zuvor eine Pufferzone zum angrenzenden Block der Südtribüne frei hielten ihre Position und sogar den Block. Daraufhin stürmten etliche Rostocker Fans in Richtung Plexiglaszaun und machten Anstalten, diesen zu überklettern. Auch hier kam es mindestens 10 min. lang zu Auseinandersetzungen, ohne dass Polizei oder Ordnungsdienst eingriffen. Erst danach stellte die Polizei die ursprüngliche Pufferzone wieder her.
    Zudem haben Medienberichten zufolge einige hundert Rostocker versucht, zu den abwandernden St. Pauli-Fans zu gelangen. Hierbei kam es sogar zum Einsatz von Wasserwerfern.

Jetzt noch wirkt der Eindruck vom vergangenen Freitag nach, dass weite Teile des Rostocker Publikums nach wie vor eher von Hass auf den FC St. Pauli und seine Fans getrieben werden denn vom Willen, ihr eigenes Team anzufeuern. Wenn auch noch Rostocker Vereinsoffizielle nach dem Spiel versuchen, die Vorfälle klein zu reden und als „Nebensächlichkeiten“ bezeichnen, kann einem Angst und bange werden.

Wir fordern den DFB, die DFL und den F.C. Hansa Rostock auf, die Ereignisse angemessen aufzuarbeiten und die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen.

Hamburg, den 30.09.08
FC St. Pauli

Corny Littmann
Präsident

Sven Brux
Sicherheitsbeauftragter

Nachtrag 05. Oktober 2008: Hier noch ein lesenswerter Bericht aus Rostocker Sicht, der beste bislang. 

Siehe auch: Hansa Rostock vs FC St. Pauli: “Volksgemeinschaftliche Abwehrreaktion” (Update)Wenn Fußball keinen Spaß mehr macht, sondern zur Bedrohung wird – Antisemitismus und Rassismus im Stadion, Antisemiten-Parolen auch in Erfurt: Sang ein ganzer Block das U-Bahn-Lied?, Polizei: 425 rechte gewalttätige Fans in den Fußball-Bundesligen, MVP: “Thor-Steinar”-Verbot bei Hansa Rostock offenbar Mogelpackung, Hessen: NPD-Fußballtrainer fliegt raus – wegen öffentlicher Debatte, Fanclub des 1. FCM verboten / Halle-Fans rufen “Juden-Jena”, Berlin: Antisemiten attackieren erneut TuS Makkabi