Bayern: Prozess gegen bereits verurteilten Kriegsverbrecher

Mehr als 64 Jahre nach einem Mord an 14 Italienern durch Angehörige der Deutschen Wehrmacht steht ab dem 15. September 2008 ein damaliger Kompaniechef in München vor Gericht. Der 90-jährige Josef S. lebte laut einem Bericht von e110 bislang unbehelligt als angesehener Bürger in Ottobrunn. 

Im Juni 1944 waren demnach Angehörige einer deutschen Gebirgspioniereinheit bei Falzano di Cortona in Italien damit
beschäftigt, den Vormarsch der Alliierten durch Minen und Sprengungen zu verzögern. Dabei wurden zwei Soldaten, die offenbar versucht hatten, ein Pferd von einem italienischen Landgut zu stehlen, von Partisanen erschossen. Die Staatsanwaltschaft wirft Josef S. vor, daraufhin eine Vergeltungsaktion mitorganisiert zu haben. Die Anklage lautet auf 14-fachen Mord. Die Soldaten sollen dem Bericht zufolge auf der Suche nach Partisanen zunächst eine 74-jährige Frau, einen 55-jährigen Landarbeiter, einen 39-jährigen Verwundeten sowie einen 21-jährigen Bauernsohn erschossen haben. Außerdem trieben sie der Staatsanwaltschaft zufolge elf weitere Italiener in ein Bauernhaus, verriegelten es und sprengten es schließlich mit Dynamit in die Luft. Das Gebäude brach in sich zusammen und begrub die Gefangenen unter sich. Da noch Schmerzenslaute zu hören waren, schossen die deutschen Soldaten mit zwei Maschinengewehren in die Ruine. 

Zeugen noch am Leben 

Nur ein 15-jähriger Jugendlicher überlebte das Massaker. Er wurde von Anwohnern verletzt aus dem Trümmerhaufen gezogen. Bei dem Prozess ist er einer der wichtigsten Zeugen der Münchner Staatsanwaltschaft. Und auch einige andere Augenzeugen des damaligen Geschehens leben demnach noch, wie Oberstaatsanwalt Anton Winkler im ddp-Gespräch sagte: „Wir haben noch Zeugen parat, die etwas dazu aussagen können.“

Bereits 2006 war S. in einem Militärprozess im italienischen La Spezia in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Doch Deutschland lieferte ihn nicht nach Italien aus, sondern macht ihm nun in München selbst den Prozess. Nach Angaben von Winkler ist S. trotz seines hohen Alters verhandlungsfähig. Das habe ein medizinischer Sachverständiger festgestellt.

Hintergrund des neuen Prozesses ist der „Schrank der Schande“, ein Archiv, welches erst 1994 in Rom geöffnet wurde. Darin befanden sich wichtige Unterlagen zu einer Vielzahl von Kriegsverbrechen. Auch das Verfahren gegen S. in Italien
kam dadurch ins Laufen. Die Verurteilung und die Anklage in Deutschland hinderten den Bürgermeister von Ottobrunn nicht daran, eine Ehrenerklärung für S. abzugeben. In seinem Wohnort Ottobrunn bei München ist er CSU-Mitglied, Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr sowie Träger der “Ehrenbürgermedaille”.

Siehe auch: Dokumentation: Anfrage im Bundestag zu Entschädigung von NS-Opfern, Ehrenerklärung für mutmaßlichen Kriegsverbrecher / Juristische Mittel gegen Entschädigungsforderungen